Kommunikation und Konsens brauchen mehr Raum für Introvertierte
Dass Jens Spahn, der mitunter schwer durchschaubare Strippenzieher, Taktierer und Machtpolitiker, ausgerechnet über seine etwas ungewöhnliche Familienkonstellation stolpert, mag viele überrascht haben. Der Frontman seiner Bundestagsfraktion zieht sich (zumindest vorerst) zurück ins Familienleben. Damit tritt jemand von der Bühne ab, der die Inszenierung nach außen beherrscht wie nur wenige im bundesdeutschen Politikbetrieb. Andere mögen sagen, er beherrsche vor allem Kommunikation und Auftreten, ohne aber kompetent und authentisch zu sein. Solche Gedanken finden sich jedenfalls bei der Publizistin und Autorin Juliane Marie Schreiber, die in ihrem Buch "Wir sind Dynamit" (Piper-Verlag) stark für den Gedanken plädiert, der Kompetenz wieder mehr Raum zu geben als der Kommunikation.
Bücher wie dieses sind schon viele erschienen. Es geht um Introvertierte ("Die Gästetoilette ist ihr heiliger Zufluchtsort, ihre Sixtinische Kapelle"), ihre scheinbaren Schwächen und ihre großartigen Stärken, um viel zu viele Team-Events und Zoom-Meetings und darum, dass "immer mehr Menschen überfordert sind vom Tempo und Druck der Gesellschaft". Doch selten wurden die Zusammenhänge und Missverständnisse zwischen Innenleben und Außenwirkung so unterhaltsam, mit breitem Wissen und mitunter überspitzt formuliert wie bei Schreiber, die ihr Buch ein "Manifest für Introvertierte in einer Welt der Selbstdarstellung" nennt.
Zu viel Lärm, zu wenig mürrische Indifferenz
Das Problem, das sie ausmacht: "Wir leben in einem Zeitalter der Extrovertierten, das uns unablässig nach außen zieht – durch Lärm, Tempo, digitale Daueranforderung." Und diese Daueranforderung belaste nicht nur viele Menschen über Gebühr. Sie betone auch zu sehr "das Schrille, das Schlagwort, das gut Ausgeleuchtete" und verhindere kognitive Reflexion, mürrische Indifferenz ("ein Ausdruck, der klingt, als wäre er für Berliner Busfahrer erfunden worden" – herrlich!) und die (Weiter-)Entwicklung einer zivilisierten Gesellschaft, aus der noch Ideen, Innovationen und Fortschritt hervorgehen könnten.
Zum Beleg verweist die studierte Politologin auf zahlreiche Erfinder und Gelehrte von Archimedes ("Störe meine Kreise nicht") über Nikola Tesla (Erfinder des Wechselstroms – Nein, er ist nicht schuld an Elon Musk) bis zu Alan Turing (knackte die Enigma-Verschlüsselung). Sie alle galten als Sonderlinge, Eigenbrötler und Einzelgänger. Und mit vielen ihrer eigenbrötlerischen und sonderlichen Artgenossen stehen sie zugleich für Quantensprünge im Fortschritt. Über Tesla schreibt Schreiber, er sei ein Innenmensch gewesen, "wie er im Buche steht. Ohne ihn sähe es mit Strom und Elektrizität heute eher bescheiden aus. Oder dunkel".
Denn deren Alleinsein ebenso wie das Alleinsein vieler Menschen in der schrillen Welt von heute sei kein Makel, sondern "die Abwesenheit von Ablenkung" und dadurch eine Grundlage, um mehr Qualität als Quantität zu erzeugen. "Extrovertierte produzieren mehr, Introvertierte oft hochwertiger", schreibt die Autorin und liefert ein paar datenbasierte Argumente für die steile These gleich mit.
Weniger Pathos und Panik – mehr Dynamit für Fortschritt
Der Titel "Wir sind Dynamit" lehnt sich übrigens an den ebenfalls als introvertiert beschriebenen Alfred Nobel an, der Zeit seines Lebens ein Eigenbrötler und Einzelgänger gewesen sein soll, dem aber in seinem Alleinsein die Idee kam, wie man den saumäßig gefährlichen Stoff Nitroglyzerin beherrschbar machen könnte. Dynamit für Fortschritt und Gesellschaft erwachsen also manchmal aus dem Stillen und Zurückhaltenden.
In unserer heutigen Welt brauchen wir weiß Gott nicht noch mehr Dynamit und Sprengkraft, davon gibt es zumindest im realen Sinne wirklich mehr als genug. Was wir brauchen, schreibt die Autorin, sind Innenmenschen, die vor dem Reden und Machen erst einmal denken und ohne deren Skepsis die Demokratie in eine Dauererregung rutsche, "in der Pathos und Panik belohnt werden".
Mehr Innenmenschen statt Performer und Populisten
Das – so die Autorin – könne extrem gefährlich werden. Denn Extrovertierten traue die Gesellschaft oft alles zu – "zu oft auch das, was sie gar nicht können". Bezogen auf die Politik als extrovertiert-orientierte Inszenierung könne dann Dauerpräsenz Kompetenz ersetzen. "Das führt dazu, dass extrovertierte Glücksritter als Politiker nach oben kommen, manchmal in ihrer Extremform als Performer, Populisten und Narzissten."
Kurzum: Das Buch plädiert – wie schon gesagt auf durchaus unterhaltsame, mitunter auch provokante Art und Weise – für mehr besonnene Innenmenschen "in einer Welt, die Lautstärke mit Kompetenz verwechselt". Vielleicht hat Jens Spahn diesen Irrtum erkannt.
Juliane Marie Schreiber: Wir sind Dynamit.
Ein Manifest für Introvertierte in einer Welt der Selbstdarstellung.
Piper Verlag München
208 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-492-06573-3