Claudius Kroker

Journalist · Text & Medien

Seit mehreren Jahren schreibe ich Beiträge über PR, Journalismus und Redenschreiben für Zeitungen und Fachmedien der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Von 2016 bis 2025 hatte ich eine eigene Kolumne für das Fachmagazin "KOM - Magazin für Kommunikation", vormals "pressesprecher". Den jeweils aktuellen Fachartikel und Kolumne-Beitrag finden Sie hier:

Als 2006 die Leichtigkeit einzog: 20 Jahre Sommermärchen

Kriege, Klimawandel, Rechtsruck, Wirtschaftsflaute, Empörungsroutine... Die Liste, was Menschen hierzulande gehörig auf den Zeiger geht, ist lang geworden. Alle scheinen dünnhäutig zu sein, psychisch labil oder auf Krawall gebürstet. Manche versuchen die Demokratie abzuschaffen, und noch mehr unterstützen sie dabei. Aus Frust? Aus Angst? Aus reiner Boshaftigkeit?

Was ist aus dem Land geworden, dass vor 20 Jahren "die Welt zu Gast bei Freunden" hatte – so das damalige Motto des Fußball-Sommermärchens 2006. Kurz bevor in diesem Monat jenseits des Atlantiks die umstrittene Mega-Giga-Weltmeisterschaft startet, ruft der Sport-Journalist Ronald Reng in seinem Buch "Der Deutsche Sommer" (Piper Verlag) die ausgelassene Leichtigkeit in Erinnerung, die damals die Gesellschaft flutete.

Deutschland habe sich den Teams und ihren Fans als "entkrampfte Nation" präsentiert. So viel Weltoffenheit, solch eine Unbeschwertheit und Gastfreundschaft habe man sich gar nicht zugetraut, schrieb die FAZ. Die hochsommerliche Atmosphäre habe "das angeblich notorisch trübe Gemüt eines angehenden Globalisierungsverlierers geradezu in Wallung" versetzt.

Rengs Buch versetzt einen auf 400 Seiten zurück in eine scheinbar unbekümmerte Zeit und erinnert ans Mitfiebern und Jubeln und an die Erfindung eines deutschen "Public Viewing" (im Englischen eigentlich das öffentliche Aufbahren eines Toten, was bei ausländischen Gästen anfangs zu Verwirrung geführt haben mag).

Was ist seitdem schiefgelaufen?

Gleichzeitig kommen einem zwei Fragen in den Sinn. Was ist derart schiefgelaufen, dass seitdem aus einer jubelnden Gemeinschaft eine gespaltene Republik mit immer mehr Radikalen und Rechtsverdrehern geworden ist? Und zweitens: Wie kann man (und wer?) das Ruder rumreißen? Immerhin, schreibt Reng, gaben sich die Deutschen damals auch bei schmerzhaften Regierungsmaßnahmen (Rentenalter!) in Umfragen "vorwiegend nüchtern und vernünftig".

Selbst die Wirtschaft profitierte von einem breiten Optimismus ("ein entscheidender Faktor für einen Wirtschaftsaufschwung"). Auch wenn sich nicht beweisen lasse, wie sehr die Weltmeisterschaftseuphorie die deutsche Wirtschaft beflügelt habe: Ohne eine optimistische Sicht geht es jedenfalls nicht.

Dabei gab es auch 2006 Negativ-Schlagzeilen. NSU-Morde (damals noch nicht als solche identifiziert), Anschläge auf Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan, No-Go-Areas, Rechtsextremismus und NPD, Bruno, der Problembär... Das alles wurde nicht negiert, aber es hat die Nation nicht in mentale Zwangshaft genommen.

Aus einer Zeit vor Social Media, Fake News und KI

Es gab noch keine so genannten Sozialen Medien, entsprechend auch wenig Hetze im Netz, keine Fake News, wenig Krawall (nicht einmal unter Hooligans), keine KI, keine Brachial-Proteste von rechts oder links. Selbst "die Bürokratie schien abgeschafft", schreibt Reng unter Verweis unter anderem auf die unkonventionelle Flugbereitschaft von WM-Koordinator Franz Beckenbauer. "In der Leichtigkeit des Sommers lösten sich Regeln einfach auf." Im positiven Sinne! Besteht eine Chance, dass die Erinnerung an scheinbar bessere Zeiten die heuten Zeiten besser macht?

Die Antwort des Autors: Auf gewisse Weise sei die unbekümmerte Stimmung von den Menschen selbst hervorgebracht worden. "Den Rahmen für die Ausgelassenheit hatten jedoch die Bundesregierung und andere staatliche Institutionen geschaffen." Das nehme dem Sommer nichts von seinem Zauber, sollte aber auch nicht übersehen werden. "Denn wenn wir ernsthaft versuchen wollen, zu verstehen, wie solch eine ungewöhnliche Atmosphäre entstehen konnte, fängt die Erklärung im politischen Berlin an."

Ronald Reng: Der deutsche Sommer.
Piper Verlag, München
416 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-492-07407-0